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Entscheidung AT-71  



OGH (AT) 11.11.2004 - 7 Nc 48/04z



Schließt eine Privatperson in ihrem Wohnsitzstaat einen Finanzanlagevertrag mit einem ausländischen Partner auf Vermittlung eines inländischen Korrespondenten unter Vorlage von Werbematerial, so sind die Voraussetzungen für einen Verbrauchervertrag nach Art. 13 Nr. 3 lit. a und lit. b LugÜ erfüllt.


-  Zusammenfassung der Entscheidung 

Der in Österreich wohnhafte Kläger verlangte von einer Gesellschaft mit Sitz in der Schweiz Ersatz für den Verlust von Kapital, welches die Beklagte hätte gewinnbringend anlegen sollen, weil die wahrheitswidrig als sicher und risikolos angepriesene Investition sich als äußerst verlustträchtig herausgestellt habe. Der Anlageberatungsvertrag sei über Vermittlung der Beklagten und ihres Korrespondenzpartners in Österreich abgeschlossen worden. Da es sich um einen Verbrauchervertrag handelte, seien gemäß Art. 14 LugÜ die österreichischen Gerichte zuständig. Der Kläger beantragte daher, ein Gericht in Österreich als örtlich zuständig zu bestimmen.

Der OGH (AT) stellt zunächst fest, dass ein Verbrauchervertrag nach Art. 13 Nr. 3 LugÜ nur dann vorliege, wenn im Wohnsitzstaat des Verbrauchers ein ausdrückliches Angebot oder eine Werbung vorausgegangen sei und die zum Abschluss erforderlichen Rechtshandlungen des Verbrauchers ebenso dort vorgenommen worden seien. Der Kläger habe den Geschäftsabschluss als Privatmann getätigt. Da im vorliegenden Fall dem Geschäftsabschluss im Sitzstaat des klagenden Verbrauchers die Vermittlung eines Korrespondenten mit Vorlage von Werbematerial in diesem Staat vorausgegangen sei, handele es sich um eine Verbrauchersache, für die gem. Art. 14 LugÜ unter anderem die Gerichte am Wohnsitz des Verbrauchers in Österreich zuständig seien.

 JURE Zusammenfassung, abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Europäischen Kommission

-  Entscheidungstext 

Der in Österreich wohnhafte Antragsteller (im Folgenden Kläger genannt) begehrt in dem seinem Ordinationsantrag beigeschlossenen Klagsentwurf von der beklagten Aktiengesellschaft (im Folgenden Beklagte), die ihren Sitz in der Schweiz hat, EUR 348.663,49 sA mit der wesentlichen Begründung, er habe über Vermittlung der Beklagten und ihres Korrespondenzpartners in Österreich, der Firma A***** GmbH, *****, am 24. 1. 2002 einen Anlageberatungsvertrag mit der W***** AG, ***** abgeschlossen und das von ihm investierte Kapital auf ein Konto der Vertragspartnerin überwiesen. Auf Grund der Eröffnung des Konkursverfahrens über das Vermögen der Vertragspartnerin sei der Anlageberatungsvertrag in der Folge von der Beklagten übernommen worden, die das Kapital gewinnbringend anlegen hätte sollen. Die Vermögensanlage sei ihm, dem Kläger, wahrheitswidrig als sicher und risikolos angepriesen worden, habe sich aber dann als äußerst verlustträchtig herausgestellt. Dadurch, dass er vor Abschluss des Anlageberatungsvertrages mangelhaft aufgeklärt und auch während der Laufzeit des Vertrages falsch informiert worden sei, sei ihm ein enormer wirtschaftlicher Schaden entstanden, den er aus dem Titel des Schadenersatzes ersetzt verlange.

Die österreichische inländische Gerichtsbarkeit ergebe sich für den vorliegenden Sachverhalt auf Grund von Art. 14 Abs. 1 LGVÜ. Er, der Kläger (der als seine Beschäftigung Kaufmann angibt), habe das vorliegende Finanzanlagegeschäft als Privatperson abgeschlossen. Der Anlagevertrag sei von einem Vertreter der A***** GmbH in Innsbruck unter Vorlage von Werbematerial vermittelt und schließlich in Kufstein unterfertigt worden. Somit liege ein Verbrauchergeschäft iSd Art. 13 LGVÜ vor. Eine im Anlageberatungsvertrag getroffene Gerichtsstandsvereinbarung wäre nur in den Grenzen des Art. 15 LGVÜ zulässig. Die betreffenden Voraussetzungen lägen jedoch hier nicht vor. Nach Art. 14 Abs. 1 LGVÜ sei die internationale Zuständigkeit Österreichs gegeben. Mangels eines örtlich zuständigen inländischen Gerichtes sei gemäß § 28 JN ein Gericht zu bestimmen, wobei das Landesgericht Innsbruck zweckmäßig erscheine, zumal bei diesem auch eine Klage gegen die A***** GmbH aus demselben Sachverhalt anhängig gemacht werden werde.

Der Ordinationsantrag ist (ausgehend von den maßgeblichen Klagsangaben: RIS-Justiz RS0117256) berechtigt (§ 28 Abs. 1 Z 1 JN). Sowohl Österreich als auch die Schweiz sind Mitgliedstaaten des Übereinkommens über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen, geschlossen in Lugano am 16. 9. 1988 (BGBl 1996/448: LGVÜ). Nach dessen Art. 13 bestimmt sich die Zuständigkeit für Klagen aus einem Vertrag, den eine Person zu einem Zweck abgeschlossen hat, der nicht der beruflichen oder gewerblichen Tätigkeit dieser Person (Verbraucher) zugerechnet werden kann, unbeschadet der (hier nicht zutreffenden) Art. 4 und 5 LGVÜ, nach diesem (= vierten) Abschnitt, wenn es sich (Z 3) um Verträge betreffend die Erbringung einer Dienstleistung handelt, sofern (lit a) dem Vertragsabschluss in dem Staat des Wohnsitzes des Verbrauchers ein ausdrückliches Angebot oder eine Werbung vorausgegangen ist, und (lit b) der Verbraucher in diesem Staat die zum Abschluss des Vertrages erforderlichen Rechtshandlungen vorgenommen hat. In einem solchen Fall kann gemäß Art. 14 LGVÜ die Klage eines Verbrauchers gegen den anderen Vertragspartner entweder vor den Gerichten des Vertragsstaates erhoben werden, in dessen Hoheitsgebiet dieser Vertragspartner seinen Wohnsitz hat, oder vor den Gerichten des Vertragsstaates, in dessen Hoheitsgebiet der Verbraucher seinen Wohnsitz hat.

Die Sonderregelungen der Art. 13 ff LGVÜ sind von dem Bestreben getragen, den Verbraucher als den wirtschaftlich schwächeren und rechtlich weniger erfahrenen Vertragspartner zu schützen, sodass ihm daher der Entschluss zur gerichtlichen Wahrnehmung seiner Rechte nicht dadurch erschwert werden darf, dass er bei den Gerichten des Staates klagen muss, in dessen Hoheitsgebiet sein Vertragspartner seine Niederlassung hat. Diese Vorschriften beziehen sich nur auf den nicht berufs- oder gewerbebezogen handelnden privaten Endverbraucher, der einen der in Art. 13 aufgeführten Verträge abgeschlossen hat und gemäß Art. 14 Partei in einem Rechtsstreit ist (EuGH 19. 1. 1993 Rs C-89/91 Shearson/TVB; 3 Nd 501/99; 7 Nd 507/01). Im Zweifel ist ein Geschäft als Verbrauchergeschäft anzusehen (Hausmann in Wieczorek/Schütze, ZPO3 Rn. 2 zu Art. 13; Geimer/Schütze, EuZVR Rn. 18 zu Art. 13; 3 Nd 501/99; 7 Nd 507/01).

Nach dem Vorbringen des Klägers ging seinem als Privatmann getätigten Geschäftsabschluss, aus welchem er einen Schadenersatzanspruch gegen die beklagte Partei ableiten will, ein ausdrückliches Angebot bzw eine entsprechende Werbung in Österreich voraus. Nach den Klagsangaben liegt daher eine Verbrauchersache vor und ist gemäß Art. 14 LGVÜ die österreichische internationale Zuständigkeit gegeben, während sich die örtliche Zuständigkeit in Österreich nach der JN bestimmt. Da sich daraus im vorliegenden Fall keine örtliche Zuständigkeit ergibt, liegen die Voraussetzungen für eine Ordination nach § 28 Abs. 1 Z 1 JN vor (RIS-Justiz RS0106680 und RS0108686; vgl Czernich/Tiefenthaler, Die Übereinkommen von Lugano und Brüssel Art. 14 Rn. 1 mwN), zumal die von den Streitteilen (zusätzlich) getroffene Gerichtsstandsvereinbarung nach den Bestimmungen des Art. 15 LGVÜ unzulässig erscheint.

Im Sinne des Antrages des Klägers war daher gemäß § 28 Abs. 2 Z 1 JN das Landesgericht Innsbruck als sachlich und örtlich zuständiges inländisches Gericht zu bestimmen.