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Entscheidung AT-32  



OLG Wien (AT) 17.10.2003 - 3 R 151/03b



Insolvenzrechtliche Anfechtungsklagen unterliegen aufgrund der Ausnahmebestimmung des Art. 1 Abs. 2 lit. b Brüssel I-VO ("Konkurse, Vergleiche und ähnliche Verfahren") nicht der Brüssel I-VO.


-  Zusammenfassung der Entscheidung 

Der Kläger ist Insolvenzverwalter über das Vermögen einer in Deutschland ansässigen Gesellschaft. Er klagte in Österreich gegen den alleinigen Gesellschafter und Geschäftsführer der insolventen Gesellschaft. Dieser habe nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit Zahlungen an sich selbst als Gesellschafter geleistet. Hierbei handle es sich um die Rückzahlung kapitalersetzender Darlehen, wodurch die Insolvenzgläubiger benachteiligt worden seien. Der Kläger habe die Zahlungen angefochten und den Beklagten zur Rückzahlung an die Insolvenzmasse aufgefordert. In erster Instanz wurde die Klage mangels internationaler Zuständigkeit der österreichischen Gerichte zurückgewiesen. Insbesondere finde nach Ausführung des Erstgerichts die Brüssel I-VO gemäß Art. 1 Abs. 2 lit. b Brüssel I-VO auf Konkurse und ähnliche Verfahren keine Anwendung. Die Ausnahme „für ähnliche Verfahren" beziehe sich auch auf Zivilprozesse, die unmittelbar aus dem Konkursverfahren hervorgingen, wie dies bei Anfechtungsprozessen der Fall sei.

Das Oberlandesgericht Wien (AT) bestätigt diese Auslegung der Brüssel I-VO. Konkursanfechtungsklagen unterfielen aufgrund der Ausnahmebestimmung des Art. 1 Abs. 2 lit. b Brüssel I-VO ("Konkurse, Vergleiche und ähnliche Verfahren") nach herrschender Meinung nicht der Brüssel I-VO. Da auch die Europäische Insolvenzverordnung die internationale Zuständigkeit für solche Anfechtungsklagen nicht regele, sei insoweit die lex fori concursus maßgebend. Nach dem somit anwendbaren deutschen Recht sei - mangels ausschließlichen Gerichtsstandes des Konkursgerichts - das Gericht am allgemeinen Gerichtsstand des Antragsgegners, hier in Österreich, örtlich und international zuständig.

 JURE Zusammenfassung, abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Europäischen Kommission

-  Entscheidungstext 

Mit der am 8.7.2003 beim Erstgericht eingelangten Mahnklage begehrt der Kläger die Erlassung eines Zahlungsbefehles über j 24.829,33 s.A. und bringt vor, er sei Insolvenzverwalter im mit Beschluss des Amtsgerichtes Duisburg vom 1.10.2002, GZ 62 In 250/02, eröffneten Insolvenzverfahren über das Vermögen der in D-46047 *****, ansässigen *****, deren alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Beklagte sei.

Der Beklagte habe als Geschäftsführer der genannten Gesellschaft (und nunmehrigen Gemeinschuldnerin) nach Eintritt deren Zahlungsunfähigkeit Zahlungen an sich selbst als Gesellschafter im Gesamtbetrag von zumindest j 24.829,33 geleistet. Hierbei handle es sich um Rückzahlungen aus kapitalersetzenden Darlehen. Durch diese Rückzahlungen seien die Insolvenzgläubiger benachteiligt worden. Der Kläger habe die Zahlungen in Höhe des Klagsbetrages mit Schreiben vom 30.10.2002 an den Rechtsvertreter des Beklagten gemäß § 135d InsO angefochten und diesen zu Rückzahlung an die Masse bis längstens 11.11.2002 aufgefordert. Die Forderung des Klägers aus dem Titel der insolvenzrechtlichen Anfechtung gemäß § 135d InsO hafte nach wie vor unberichtigt aus.

Zur österreichischen inländischen Gerichtsbarkeit brachte der Kläger in der Mahnklage vor, gemäß Verordnung (EG) Nr. 1346/2000 des Rates vom 29.5.2000 über Insolvenzverfahren (EuInsVO), in Kraft getreten am 31.5.2002, sei auf den vorliegenden Rechtsstreit das Recht des Staates der Eröffnung des Insolvenzverfahrens, somit deutsches Recht anzuwenden. Es gelte daher die deutsche Insolvenzordnung (dInsO). Der in § 43 Abs. 5 KO normierte ausschließliche Gerichtsstand des Konkursgerichtes sei daher nicht anwendbar. Das angerufene Gericht sei als allgemeiner Gerichtsstand des Beklagten zuständig. Mit dem angefochtenen Beschluss wies das Erstgericht die Klage a-limine zurück. Gemäß § 27a Abs. 1 JN bestehe die inländische Gerichtsbarkeit dann, wenn für eine bürgerliche Rechtssache die Voraussetzungen für eine örtliche Zuständigkeit eines Gerichtes gegeben seien. Nach § 41 JN habe das Gericht seine Zuständigkeit aufgrund der Angaben des Klägers von amtswegen zu prüfen. Die EU-Verordnung über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen (Brüssel-I-Verordnung) finde gemäß Art. 1 Abs. 2  lit. b keine Anwendung, da dieses Übereinkommen nicht auf Konkurse und ähnliche Verfahren anwendbar sei. Die Ausnahme „für ähnliche Verfahren“ beziehe sich auch auf Zivilprozesse, die unmittelbar aus dem Konkursverfahren hervorgingen, wie dies bei Anfechtungsprozessen der Fall sei.

Gemäß Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 lit m EuInsVO gelte für das Insolvenzverfahren das Recht des Mitgliedsstaates, in dem das Verfahren eröffnet wird; der Staat der Verfahrenseröffnung habe auch zu regeln, welche Rechtshandlungen nichtig, anfechtbar oder relativ unwirksam seien. Es sei daher deutsches Insolvenzrecht anzuwenden. Die EuInsVO regle die internationale Zuständigkeit nur in Bezug auf das Insolvenzverfahren selbst, nicht aber für insolvenzbezogene Prozesse. Da somit keine europäische Regelung für Anfechtungsprozesse bestehe, richte sich die internationale Zuständigkeit nach nationalem Recht, in Österreich somit nach § 43 Abs. 5 KO.

Nach § 12 dZPO sei grundsätzlich das Gericht zuständig, bei dem eine Person ihren allgemeinen Gerichtsstand habe, sofern nicht für eine Klage ein ausschließlicher Gerichtsstand begründet sei. Ein solcher ausschließlicher Gerichtsstand bestehe auch in Deutschland für Insolvenzen. Nach § 19a dZPO werde der allgemeine Gerichtsstand eines Insolvenzverwalters für Klagen, die sich auf die Insolvenzmasse beziehen – wie dies bei der gegenständlichen Klage der Fall sei – durch den Sitz des Insolvenzgerichtes bestimmt.

Da für die gegenständliche Klage das deutsche Insolvenzgericht örtlich zuständig sei, sei die Klage mangels österreichischer-inländischer Gerichtsbarkeit zurückzuweisen.

Gegen diesen Beschluss richtet sich der Rekurs des Klägers wegen unrichtiger rechtlicher Beurteilung, mit dem Antrag, ihn ersatzlos aufzuheben und dem Erstgericht die Erlassung eines bedingten Zahlungsbefehles aufzutragen.

Der Rekurs ist berechtigt.

Wie das Erstgericht zunächst zutreffend erkannte, unterliegen Anfechtungsklagen aufgrund der dortigen Ausnahmebestimmung des Art. 1 Abs. 2 lit. b („Konkurse, Vergleiche und ähnliche Verfahren“) nach herrschender Meinung nicht der (nunmehrigen) EuGVVO (Konecny in Konecny/Schubert, Komm zu den Insolvenzgesetzen Rn. 7 zu § 110 KO mwN).

Richtig ist auch, dass – im Hinblick auf das behauptete Eröffnungsdatum 1.10.2002 – auf das gegenständliche Insolvenzverfahren die am 31.5.2002 in Kraft getretene Verordnung (EG) Nr. 1346/2000 des Rates vom 29.5.2000 über Insolvenzverfahren (Europäische Insolvenzverordnung) anzuwenden ist (Art. 43 EuInsVO). Ausdrückliche Vorschriften über die internationale Zuständigkeit enthält die Europäische Insolvenzverordnung lediglich in ihrem Artikel 3. Diese haben aber nur das Insolvenzverfahren selbst, nicht aber insolvenzbezogene Prozesse zum Gegenstand (Oberhammer in ÖBA 2002, 698). Demnach sind für die Eröffnung des Insolvenzverfahrens die Gerichte des Mitgliedstaats zuständig, in dessen Gebiet der Schuldner den Mittelpunkt seiner hauptsächlichen Interessen hat. Art. 4 der Europäischen Insolvenzverordnung regelt das für das Insolvenzverfahren und seine Wirkungen anzuwendende Recht. Demgemäß ist – soweit die Verordnung nichts anderes bestimmt – das Insolvenzrecht des Mitgliedsstaats, in dem das Verfahren eröffnet wird, anzuwenden. Daraus wird (mangels einer ausdrücklichen Regelung in der EuInsVO) gefolgert, dass sich auch die Zuständigkeit für eine konkursrechtliche Anfechtungsklage nach der lex concursus, also nach dem Recht des Eröffnungsstaates richtet (Burgstaller, internationales Zivilverfahrensrecht Teil II – Ergänzungsband zum Handbuch, Rn. 17 zu Art. 13 InsVO; idS auch Oberhammer in ÖBA 2002, 698). Angesichts dessen, dass der Beklagte (sowohl nach deutschem als auch österreichischem Recht) seinen allgemeinen Gerichtsstand in Österreich hat, wäre die österreichische internationale Zuständigkeit für den gegenständlichen Anfechtungsprozess nur dann zu verneinen, wenn nach den deutschen Zuständigkeitsvorschriften ein – § 43 Abs. 5 der österreichischen KO vergleichbarer – ausschließlicher Zuständigkeitstatbestand des Konkursgerichtes gegeben wäre, wovon auch das Erstgericht erkennbar ausgeht.

Der deutschen Insolvenzordnung ist jedoch ein ausschließlicher Gerichtsstand des Konkursgerichtes für Anfechtungsklagen fremd. Örtlich zuständig ist das Gericht des allgemeinen Gerichtsstandes des Rückgewährschuldners (Wimmer, Frankfurter Kommentar zur Insolvenzordnung³, Rn. 47 zu § 143).

Gemäß § 13 dZPO wird der allgemeine Gerichtsstand einer Person durch den Wohnsitz bestimmt.

Gemäß § 19a dZPO wird der allgemeine Gerichtsstand eines Insolvenzverwalters für Klagen, die sich auf die Insolvenzmasse beziehen, durch den Sitz des Insolvenzgerichtes bestimmt. Gemäß § 12 dZPO ist das Gericht, bei dem eine Person ihren allgemeinen Gerichtsstand hat, für alle gegen sie zu erhebenden Klagen zuständig, sofern nicht für eine Klage ein ausschließlicher Gerichtsstand begründet ist.

Zutreffend rügt der Rekurs, dass das Erstgericht zu Unrecht aus § 19a dZPO die ausschließliche Zuständigkeit des Konkursgerichtes für Anfechtungsklagen ableitet. Entgegen der Ansicht des Erstgerichtes ist § 19a dZPO auf Aktivprozesse des Insolvenzverwalters nicht anwendbar (Stein/Jonas, Komm zur deutschen Zivilprozessordnung22, Rn. 2 zu § 19a).

Dem deutschen Recht kann keine ausschließliche Zuständigkeit der Gerichte des Staates der Verfahrenseröffnung für Anfechtungsklagen entnommen werden. International zuständig sind die Gerichte des allgemeinen Gerichtsstands des Anfechtungsgegners (Wimmer, Frankfurter Kommentar zur deutschen Insolvenzordnung³, Rn. 59 zu § 143 mwN).

Die österreichische internationale Zuständigkeit für den gegenständlichen Anfechtungsprozess ist somit gegeben. Es war daher dem Rekurs durch ersatzlose Behebung des angefochtenen Beschlusses Folge zu geben und dem Erstgericht die Einleitung des gesetzlichen Verfahrens über die Mahnklage unter Abstandnahme vom gebrauchten Zurückweisungsgrund aufzutragen.